Praktische Ratschläge für Angehörige

Was heißt: "richtig" helfen?

Wenn Angehörige eine Beratungsstelle aufsuchen, haben sie häufig schon über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg versucht, dem Betroffenen bei seinem Alkoholproblem zu helfen. Immer wieder aber haben sie Enttäuschungen erfahren, wurden belogen, oft sogar beschimpft. So entwickelte sich mehr und mehr die Meinung, dass dem Angehörigen überhaupt nicht zu helfen sei. Stimmt dies aber tatsächlich?

Offensichtlich waren jene Hilfen, die die Angehörigen jeweils versucht haben erfolglos, waren also vielleicht "falsche" Hilfen. Was heißt dann aber: "richtig" helfen?

So paradox es klingt, so schwierig es zu verstehen und häufig auch in die Tat umzusetzen ist: "Richtig" helfen heißt (fast) immer nicht helfen!

Wie lässt sich eine solche Haltung begründen?

Ob Familie, Arbeitsgruppe im Betrieb oder andere Gemeinschaften - sie alle stellen irgendwie ein System von sozialen Beziehungen dar, das nur dann gleichgewichtig und ungestört bleibt, wenn alle "an einem Strick ziehen", also sich so verhalten, dass einer dem anderen möglichst selten unangenehm auffällt und ihn möglichst wenig belastet. Arg belastet ist ein solches System natürlich durch einen Alkoholkranken! Ob nämlich Angehörige oder Mitarbeiter - man hat (fast) täglich die Folgen (z. B. Streit, finanzielle Probleme, Arbeitszeitausfall) auszuhalten, die das häufige Trinken mit sich bringt.

Wie aber ist es zu dieser Situation gekommen? Solange der Betroffene vielleicht witzig, fleißig oder zugänglich war, wurde er - oft gerade wegen dieser Wesenszüge - von allen geschätzt und geachtet. Störend wurde er für Familie, Betrieb und Gesellschaft eigentlich erst, als die genannten unangenehmen Folgen seines Trinkens zu spüren waren. Allerdings hatte ihn sein Umfeld in seinem Trinken auch unterstützt: Vorgesetzte hatten Urlaubsmeldungen geschrieben, wenn er angetrunken zum Dienst erschien, die Ehefrau hatte ihn wegen "Erkältung" entschuldigt, wenn er "blau" zu Hause im Bett lag und nicht arbeiten konnte. Familie, Vorgesetzte und Freunde hatten auf diese Weise eine Art Beschützerrolle übernommen, dem Betroffenen damit aber Verantwortung abgesprochen. Die Folge: sinkendes Selbstwertgefühl des Alkoholkranken und damit ein Grund zum weiteren Trinken, was wiederum die Beschützerrolle des Umfelds verstärkte. Da also der Betroffene keine konkreten Konsequenzen seines Alkoholkonsums verspürte, brauchte er auch sein Verhalten nicht zu ändern: 5,10, 15 Jahre und länger wiederholt sich das gleiche Spiel!

Fazit: Erst, wenn das Umfeld nicht mehr hilft, den Betroffenen gegenüber Freunden, Vorgesetzten usw. nicht mehr entschuldigt und ihn damit die Konsequenzen seines Trinkens deutlich erleben lässt, wird der Betroffene gezwungen sein, selbst etwas für seine Gesundung zu tun!

Diese oftmals sehr harte und konsequente Vorgehensweise ist für den Alkoholkranken die "richtige" Hilfe, weil sie ihn am ehesten dazu führt, seine Krankheit zu überwinden. Im anderen Fall, nämlich ihn die Konsequenzen nicht erleben zu lassen, schadet dies dem Betroffenen, indem es ihn davon abhält, frühzeitig fachlich qualifizierte Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Welche Anzeichen deuten auf Alkoholabhängigkeit hin?
Woran ist die Alkoholkrankheit zu erkennen?

Im folgenden sollen systematisch einige Punkte aufgeführt werden, die den Verdacht auf eine Alkoholkrankheit rechtfertigen:

  • Zittern der Hände,
  • Gedächtnislücken,
  • Schlafstörungen und Alpträume,
  • morgendlicher Brechreiz,
  • versteckte Alkoholvorräte und heimliches Trinken,
  • Trinken zur Entspannung.

Die positive Beantwortung einer oder zweier Fragen genügt nicht für den Verdacht auf Alkoholmissbrauch. Je mehr Fragen bejaht werden, desto größer wird der Verdacht.

Hinweise darauf, ob jemand alkoholkrank ist, gibt auch der "Kurzfragebogen für Alkoholgefährdete (KFA)".

Was soll man tun, wenn der Partner Alkoholkranker ist?

Man sollte:

  • zuerst einmal sich selbst über das Wesen der Alkoholkrankheit informieren;
  • akzeptieren, dass es sich beim Alkoholismus tatsächlich um eine Krankheit handelt und nicht um einen bloßen Charakterfehler;
  • den eigenen Standpunkt klar bestimmen, Zusammenhänge begreifen lernen und auch im eigenen und im Interesse der Kinder konsequent handeln;
  • sich positiv und verständnisvoll auf den kranken Partner einstellen, ohne ihn nach eigenen Vorstellungen ändern zu wollen;
  • die sozialen Folgen des Trinkens (z.B. durch Entschuldigung beim Arbeitgeber und bei Verwandten) nicht dauernd vertuschen wollen;
  • nicht selber den Mut verlieren, selbst wenn man nicht alles richtig macht;
  • sich sachverständige Hilfe z.B. bei einer ambulanten Beratungsstelle suchen;
  • eventuelle Maßnahmen genau überlegen, klar planen und auch konsequent durchführen;
  • den eigenen Alkohol- (und Medikamenten-)Konsum überdenken;
  • an einer Selbsthilfegruppe für Angehörige von Alkoholkranken teilnehmen (z. B. an den Gruppentreffen der AL-Anon).

Was soll man nicht tun, wenn der Partner Alkoholkranker ist?

Keinen Sinn hat es:

  • dem Partner zeigen, daß man sich selbst für einen besseren Menschen hält und die Schuld beim anderen suchen; Drohungen äußern, die man nicht ausführt oder nicht ausführen kann;
  • Vorwürfe ("Gardinenpredigten") machen und herumnörgeln; sogenannte Hausmittel verabreichen, z.B. irgendwelche Medikamente;
  • Flaschen verstecken oder ausgießen;
  • versuchen, alle Schwierigkeiten zu beheben (z. B. Schulden zu bezahlen), in die sich der alkoholkranke Partner gebracht hat, weil man so verhindert, daß der
  • Partner aus diesen Schwierigkeiten lernt und Konsequenzen zieht;
  • das Problem immer nur für sich behalten, statt sachverständige Hilfe aufsuchen;
  • mit dem Partner ernsthaft über Probleme sprechen wollen, solange er angetrunken ist.

Was soll man nicht tun, wenn der Partner versucht, mit dem Trinken aufzuhören?

Keinen Sinn hat es:

  • dies rechthaberisch oder triumphierend als eigenen Erfolg darstellen ("endlich hast Du mir gefolgt!");
  • sofort mit einem 100%igen Erfolg rechnen;
  • eifersüchtig sein auf die Institution oder auf die Menschen, die sich der Partner zur Behandlung aussucht;
  • der Abstinenz ständig mißtrauisch begegnen;
  • den Partner allzu ängstlich vom Alkohol fernhalten wollen und keine Veranstaltungen besuchen, auf denen andere Alkohol trinken;
  • unnötige Vorwürfe über die Vergangenheit machen;
  • sich selber betrinken oder Tabletten ohne ärztliche Verordnung einnehmen;
  • dem Partner statt Alkohol Medikamente geben;
  • mit ihm allzu behutsam und vorsichtig umgehen;
  • den Partner in Versuchung führen.

Was soll man tun, wenn der Partner verspricht, mit dem Trinken aufzuhören?

Man sollte:

  • dem Partner nach und nach wieder Verantwortung übertragen;
  • Anteil nehmen an dem, was den Partner interessiert;
  • die Hobbys des Partners unterstützen;
  • eine angenehme häusliche Atmosphäre schaffen;
  • versuchen, ihn in eine Behandlung zu bringen;
  • ihn auch verstärken für Verhaltensweisen, die nicht direkt mit
  • dem Vorsatz zu tun haben, mit dem Trinken aufzuhören.